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Aktualisiert: 24.01.2018
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Babenhäuser Pfarrer(!) Kabarett in Geiß-Nidda

Pointengewitter ohne unnötigen Schnickschnack

Bericht aus KA 10.09.2009: Einige spät entschlossene Besucher mussten sogar abgewiesen werden, so groß war der Andrang bei der Vorstellung des Ersten Allgemeinen Babenhäuser Pfarrer-Kabaretts, das auf Einladung des Turnvereins Geiß-Nidda in der Turnhalle gastierte. Wer eine Karte für "Schlange stehen im Paradies" ergattern konnte, erlebte zwei Stunden lang kabarettistische Höhepunkte. Ganz ohne Glanz, völlig ohne Glitter, teilweise ohne Mikro. Dafür aber mit einem strobolight-ähnlichen Pointengewitter, eine hochphilosophische und theologische Betrachtung des Paradieses von zwei von Berufs wegen an der Rettung der menschlichen Seele interessierten Profis.
Hans-Joachim Greifenstein will unbedingt herausfinden, warum es seinem Partner Clajo Herrmann so gut geht: "Ich fühle mich wie der Käfer in Kafkas Verwandlung. Aber so anners da halt. Mehr so wie ein Glückskäfer." Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob der Gute was "genommen" hat. Schließlich ist es doch völlig ungewöhnlich, dass es jemanden ohne Wenn und Aber gut geht, schon gar nicht in der evangelischen Kirchengemeinde, "da ist der Umgang mit fröhlichen Menschen nicht vorgesehen". Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Hilfe sucht Herrmann im Stuhlkreis bei den anonymen Glückspilzen, denn "durch Zufriedenheit wird man an den Rand der Gesellschaft gedrängt". Ob vielleicht ein Exorzismus helfen könne? Da ist sich Clajo nicht so sicher: "Da bekommt man am Ende einen Engel ausgetribbe."
Die Beiden sind sich einig, dass durch ein Zuviel des Guten die Unzufriedenheit geschürt wird: "Wer einen Audi TT mit allem Schnickschnack fährt, kriegt doch Depressionen, wenn er feststellt, dass die elektronische Einspritzpumpe nicht gleich die Espressomaschine im Cockpit reguliert." Als Quintessenz bleibt: Nix ist so gut, dass man es mit ein bisschen gutem Willen nicht schlecht machen kann. Was Wunder, dass viele sich nach paradiesischen Zuständen sehnen. Auf der Suche nach dem Paradies wird man heutzutage allerdings höchstens noch im Werbejargon fündig, sprich im Betten-, Kinder-, Möbel- oder Resteparadies.
Bei ihren Ausführungen ist dem Duo keine Konfession "heilig". Während der Katholik treu ist, tritt "der gemeine Protestant  aus der Kirche aus, wenn der Parrer ihm beim Aldi den Parkplatz weggeschnappt hat." Greifenstein plant eine neuerliche Reformation, will es mit Umerziehung im Churchcamp probieren, plant Castingshows mit dem Titel "Germany´s Next Top Protestant", angereichert mit Funfaktor und emotionalem Mehrwert. Der Plan misslingt, es bleibt die Erkenntnis: "Die Reformation hat nie wieder so viel gebracht wie in der ersten Staffel".
Als Hausmeister "grantelt" Greifenstein solo über die Verkomplizierung des Lebens durch den technologischen Fortschritt (zum Schreien komisch - und leider überaus realistisch - die Beschreibung der Szene, wie die Oma im Bahnhof eine Fahrkarte kaufen will), über sinnentleerte Worthülsen, die man am besten daran erkennt, dass sie in englischer Sprache sind, über die Hetze und den Zwang zur Aktivität, die alte Menschen dazu zwingt, in bunten Anzügen im Wald Sport zu treiben oder im Rollator den Latin Lover zu mimen. Außerdem stellt er fest, dass Gott hessisch spricht, "diese bammhedzische, mollische Sprache".
"Innenweltreise" Clajo Herrmann lässt sich in seinem Monolog eine "energetische Innenweltreise inklusive Begegnung mit seinen sieben Hauptchakren" andrehen, von dem er völlig verändert zurückkam: "Ich fahr nie mehr ohne mich weg", schimpft über moderne Namensgebungen, ist entsetzt, dass keiner den Pfarrer, der vier Tage über Ostern bei Ikea eingesperrt war, vermisst hat, und empfiehlt, die Senioren statt ins Krankenhaus auf eine Kreuzfahrt zu schicken: "Da kann man Frühstücken ohne Blutentnahme." Die Szenen, die sich im biblischen Paradies (altpersisch für "eingezäunt") abspielten, werden von dem Kabarettisten völlig neu interpretiert, denn Eva hätte sich nach dem Sündenfall noch herauszureden gewusst. So aber hatte Adam erstmals Text zu sprechen - und hat es prompt verbockt.
Clajo Herrmann, geboren 1955, wurde 1987 evangelischer Pfarrer, war 13 Jahre lang bis 2004 in Babenhausen tätig. Hans-Joachim Greifenstein, Jahrgang 1957, war von 1986 bis 2006 evangelischer Pfarrer, ebenfalls in Babenhausen. Während Herrmann weiterhin beurlaubt ist, tritt Greifenstein im Oktober eine Stelle im Gemeindepfarramt in Bensheim an. Bedeutet das das Ende des Ersten Allgemeinen Babenhäuser Pfarrer-Kabaretts? "Nein, nein", versichert Herrmann, "wir werden uns nur einschränken, von knapp über 100 auf 50 Vorstellungen im Jahr." Die Fangemeinde, die mit dem Auftritt in Geiß-Nidda sicherlich gewachsen ist, kann sich also weiterhin an den scharfsinnig-scharfzüngigen Betrachtungen der Seelsorger ergötzen.

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